Bausachverständiger

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Dipl.-Ing. Ulrich Hoffmann

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(Schimmel)-Pilzsaison

Schimmelpilzbefall in Wohnräumen:

Schimmelpilze sind in unserer Umgebung weit verbreitet und tragen zur Zersetzung von kohlehydratreichen Substanzen (lebende und tote Pflanzenbestandteile) im natürlichen Stoffkreislauf bei. Die Pilze bilden auf und in den Substanzen feine Haargeflechte (Myzele) an denen sich Sporen bilden. Die Sporen verteilen sich durch Luftbewegung. Die Entwicklung der (Schimmel)-Pilze wird durch die folgenden drei Faktoren beeinflusst:
• Nährboden – Substrat (ist zum Wachstum erforderlich)
• Feuchtigkeit – (Schimmelwachstum erst ab rel. Oberflächenfeuchte > 70%)
• Temperatur – (Schimmelwachstum ist erst bei > 10°C möglich, bestes Wachstum bei ca. 30°C)
Der Nährboden und eine ausreichende Temperatur sind in unseren Wohnungen in der Regel vorhanden, so dass für die Beeinflussung des Schimmelpilzwachstums in erster Linie die Materialfeuchtigkeit zu beachten ist. Die Materialfeuchte muss möglichst gering gehalten werden. Erhöhte Feuchtigkeit kann durch Mängel am Bauwerk oder falsches Nutzerverhalten verursacht werden.

Mängel am Bauwerk sind:

• ungenügende Wärmedämmung
• vermeidbare Wärmebrücken
• Feuchtigkeit im Bauteil (Risse in der Fassade – unzureichender Schlagregenschutz, Leitungsschäden, Baufeuchte)

Falsches Nutzerverhalten ist:

• erhöhte Feuchteproduktion (Wäsche trocknen in der Wohnung, Aquarium, übermäßige Aufstellung von Zimmerpflanzen o.ä.)
• unzureichender Luftwechsel durch Kipplüftung
• zu große Abstände zwischen den Lüftungsphasen
• unzureichende Beheizung
• Aufstellung von Einrichtungsgegenständen ohne ausreichenden Abstand zu Außenwänden

Allgemeine bauphysikalische Zusammenhänge:

1. Unzureichende Oberflächentemperatur:

Auf der Raumseite von Außenbauteilen kann infolge der folgenden Faktoren Tauwasser (Kondensat) auftreten:
– ungenügend gedämmte Außenbauteile (Baumangel)
– langanhaltende hohe rel. Luftfeuchtigkeit > 50 % (unzureichende Lüftung)
– niedrige Raumtemperatur < 18 °C (unzureichender Beheizung)
Tauwasser fällt immer dann an, wenn die Oberflächentemperatur des betreffenden Bauteils unter die Taupunkttemperatur der Raumluft sinkt. Die Taupunkttemperatur ist die Temperatur, auf die man nichtvollständig gesättigte Luft abkühlen muss, so dass sie vollkommen gesättigt ist (100% rel. Luftfeuchte).
Schimmelpilze wachsen jedoch schon vor dem Erreichen der Taupunkttemperatur. Wenn die rel. Luftfeuchte an den Bauteiloberflächen über einen längeren Zeitraum (ca. 3 Tage) 80% überschreitet, ist mit Schimmelwachstum zu rechnen. Unterhalb einer rel. Luftfeuchte von 70% ist Schimmelwachstum nicht möglich.
In der maßgebenden DIN 4108-2 (07-2003) „Mindestanforderungen an den Wärmeschutz“ wird ein Norm-Raumklima von 20°C mit 50% rel. Luftfeuchte zugrunde gelegt. Diese Luft erreicht bei einer Abkühlung auf 9,3°C die Taupunkttemperatur (vollständige Sättigung 100% rel. Luftfeuchte).
Die rel. Luftfeuchte von 80%, ab der mit Schimmelwachstum zu rechnen ist, wird bei einer Oberflächentemperatur von 12,6°C erreicht.

2. Kondenswasser – Tauwasser:

Ursächlich für das Tauwasser ist, dass Luft immer Wasser in Form von unsichtbarem Wasserdampf enthält. Allein im Schlaf wird pro Nacht und Person über Haut und Atemluft etwa ½ bis 1 Liter abgegeben. Daneben wird die Aufnahmefähigkeit der Luft bei Kochen, Duschen, Waschen usw. in Anspruch genommen, was z.B. bei einem 4-Personenhaushalt ca. 6 – 12 Liter je Tag ausmacht. Zimmerpflanzen verdunsten das gesamte Gießwasser.

3. Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte Luft:

1 m³ Luft mit einer Temperatur von 0°C kann eine Höchstmenge von 5 g Wasserdampf (100% rel. Luftfeuchte) enthalten. Bei einer Temperatur von 20°C, kann sie 17 g und bei 30°C sogar 30 g Wasserdampf aufnehmen. Der nachstehenden Taupunktkurve kann der Wassergehalt auch bei teilgesättigter Luft entnommen werden. Die markierten Werte stehen für 20°C warme Luft mit 100% bzw. 50% rel. Luftfeuchte.

Wenn wassergelsättigte Luft (100 % relative Luftfeuchtigkeit) an kalte Bauteile (Einfachverglasung, kalter Fenstersturz über Fenster mit Kipplüftung) gelangt, kondensiert der Wasserdampf an den kalten Bauteilen zu sichtbarem Wasser, da sich die Luft auf eine geringere Temperatur abkühlt und nicht mehr soviel Wasser tragen kann. Als Folge kann sich Schimmel an diesn Bauteilen bilden.
In alten Gebäuden stellten sich an der Einfachverglasung die niedrigsten Temperaturen der gesamten Außenbauteile ein, wodurch der Raumluft über das „Beschlagen“ der Fensterscheiben selbsttätig Feuchtigkeit entzogen wurde. Diese anfallende Feuchtigkeit wurde aus der dafür vorgesehenen Schwitzwasserrinne entfernt. Die heutigen Wärmeschutzverglasungen stellen nicht mehr die kältesten Temperaturzonen dar. Es tritt eine Verlagerung der kalten Temperaturzonen zu den Wärmebrücken und mit Mängeln behafteten Bauteilen ein. Anfällige Schwachpunkte (Wärmebrücken) sind heute insbesondere die Gebäudeaußenecken, die Übergänge vom Kellerfußboden zur Wand und die Fensterlaibungen.

4. Kalte Luft ist trockener als warme Luft:

Je kühler die Luft, desto weniger Wasser kann sie halten; kalte Luft ist demzufolge „trockener“ als warme Luft. Daraus folgt, dass die Luftfeuchtigkeit im Raum durch Zufuhr (Luftaustausch durch Stoßlüftung) kalter Außenluft gesenkt werden kann. Bei Außentemperaturen von z. B. 0°C und 85 % relativer Feuchte (feuchtkalter Novembertag) enthält 1 m³ Luft 4,3 g Wasser, bei Erwärmung dieser Luft auf 20°C und einer rel. Luftfeuchte von 65% (Zeitpunkt vor dem nächsten erforderlichen Lüftungsintervall) enthält diese Luft 11,3 g Wasser /m³ Luft. Die Luft hat somit ca. 7 g Wasser /m³ Luft aus dem Raum aufgenommen, welche bei der anstehenden Lüftung abgeführt wird. Entgegen der landläufigen Meinung führt auch eine Lüftung bei feuchtem Winterwetter zur Trocknung der Wohnung.

5. Lüftungsverhalten:

Die Lüftung ist besonders wichtig, da bei den modernen Fensterkonstruktionen mit Wärmeschutzverglasung und abgedichteten Falzen die „natürliche Zwangslüftung“ alter undichter Fenster entfällt. Bei einer kurzzeitigen Stoßlüftung wird nur die Raumluft ausgetauscht, ohne dass die Bauteile und die Einrichtung ihre gespeicherte Wärme abgeben. Dauerlüftung (Spaltlüftung) führt zur Abkühlung der Bauteile, ist wärmetechnisch unwirtschaftlich und kann das Schimmelwachstum auf den ausgekühlten Bauteilen (Fensterstürze über gekippten Fenstern) sogar fördern.

Bei einer Stoßlüftung mit vollständig geöffneten Fenstern an gegenüberliegenden Gebäudeseiten und geöffneten Innentüren (Querlüftung – Durchzugslüftung) genügt eine Lüftungszeit von 1 – 5 Minuten, 2 – 3-mal täglich.
Um den gleichen Luftwechsel zu erreichen, muss bei der Spaltlüftung (gekippte Fenster) 15 – 30 Minuten lang gelüftet werden. Diese Zeitangaben sind lediglich als Richtwerte anzusehen und sind von der jeweiligen Nutzungs- und Raumsituation abhängig.
Das richtige Lüftungsverhalten ist für die Trocknung einer Wohnung wirkungsvoller als übermäßiges Heizen.

6. Wärmebrücken:

Weichen Bauteilflächen aufgrund unterschiedlicher Baustoffe oder durch die Bauteilgeometrie vom Regelquerschnitt ab und treten auf diesen begrenzten Flächen gegenüber den angrenzenden Bereichen niedrigere Temperaturen auf (höherer Wärmestrom), bezeichnet man diese schlechter gedämmten Flächen als „Wärmebrücken“.
Rauminnenecken von Außenbauteilen (Ixel) bilden wegen ihrer geometrischen Ausbildung immer Wärmebrücken. Hier liegt der inneren wärmeaufnehmenden Fläche eine größere äußere wärmeabgebende Fläche gegenüber und bewirkt somit einen Kühlrippeneffekt. Oberflächentemperaturen in Innenecken von Bauteilen sind deshalb stets niedriger als auf der freien Bauteilfläche, je nach Aufbau um ca. 2 – 5°Celsius. Geometrische Wärmebrücken sind unvermeidbar und stellen im Normalfall keinen Mangel dar.

7. Oberflächentemperatur – Behaglichkeit:

Eine Faustformel für eine ausreichende Wärmedämmung besagt, dass bei einer relativen Feuchte von mehr als 60 % und einer Raumtemperatur von 20°C die Oberflächentemperatur der Wandfläche nicht unter 16°C absinken sollte.
Als „behaglich“ wird ein möglichst geringer Unterschied zwischen Oberflächen- und Raumtemperatur empfunden.

Literatur:
• Gesund Wohnen  (Broschüre 12-2010)
Deutsche Energieagentur (DENA)
• Feuchtigkeit und Schimmelbildung in Wohnräumen
Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände ISBN: 3-88835-123-5
• Schimmelpilz im Wohnungsbau – Richtig lüften und Feuchtigkeit vermeiden
Energieagentur NRW www.ea-nrw.de (Broschüre 08-2002)
• Leitfaden zur Ursachensuche und Sanierung bei Schimmelpilzwachstum in Innenräumen
(kann im Internet über www.umweltbundesamt.de unter Publikationen kostenfrei abgerufen werden).
• DIN 4108-2 (07-2003) Mindestanforderungen an den Wärmeschutz

3 Responses to “(Schimmel)-Pilzsaison”

  1. 1
    K.Siedentop:

    Den Inhalt, vielmehr Erklärung, wie Schimmel in Wohnräuen entsteht , istd sehr gut erklärt!
    Ich bin Vermieterin eines 60-iger Jahre Hauses; ungedämmt.

    Wie kann man denn verlässlich die Innenwandtemperatur an einer Außenecle einer Innenwand messen?

    Mit freundlichen Grüßen

    K.Siedentop

  2. 2
    Ulrich Hoffmann:

    Guten Tag Frau Siedentop,
    Oberflächentemperaturen können Sie mit einem Infrarot- oder einem Kontakt-Thermometer messen. Mit dem Infrarotthermometer erfolgt die Messung kontaktlos. Derartige Thermometer bekommen Sie im Fachhandel oder z.B. bei Conrad.
    Mit freundlichem Gruß Ulrich Hoffmann

  3. 3
    Johannes Berndt:

    Danke für diesen sachlichen Artikel. Im Internet wimmelt es von Halbwahrheiten, Hören-sagen und „Hochglanz-Webseiten-bla-bla“. Dagegen ist das hier unaufgeregt informativ.
    Mit freundlichem Gruß
    Johannes Berndt

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